Darf's ein bisschen weniger sein?

In der Unternehmensnachfolge ist nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen. Konflikte anzusprechen, sie zu lösen oder auch sie auszuhalten, wenn sie nicht zu lösen sind, ist ein vitales Thema in der Nachfolge von Familienunternehmen. Auch Nachfolger:innen brauchen Konfliktfreude und positive Energie, für ihre Überzeugungen zu streiten.

Monika Bone im Interview mit Michael Terhörst für fussstapfen.com

 

Frau Bone, seit einiger Zeit wagen sich auch in unserer Region immer mehr Nachfolgerinnen und Nachfolger mit ihren Geschichten an die Öffentlichkeit. Wie gefällt Ihnen die aktuelle Darstellung des Themas in der Presse und den sozialen Medien?

Wenn ich ganz ehrlich bin, finde ich viele dieser Beiträge ziemlich langweilig. Wenn ich durch die aktuellen Beiträge und Postings zum Thema Nachfolge blättere oder mir Podcasts zum Thema anhöre, denke ich oft: Darf´s nicht ein bisschen weniger sein? Fast überall lerne ich Nachfolgerinnen und Nachfolger kennen, die davon schwärmen, wie gut, reibungslos und harmonisch doch alles gelaufen ist und noch läuft. Das ist ein ziemlicher Einheitsbrei, der zumindest meiner Erfahrung nach nicht die Realität abbildet. Ich stelle mir dann immer vor, wie jemand, bei dem die Nachfolge nicht komplett reibungslos verläuft, so etwas liest oder hört und denkt: „Bin ich eigentlich blöde, wieso läuft das bei allen so gut und nur bei mir nicht?“

Und, was ist Ihr Eindruck, sind diese Leute „zu blöd“?

Nein! Keine Nachfolge verläuft komplett harmonisch. Natürlich, werden Sie nun sagen, dass ich als Beraterin und Coach voreingenommen bin, weil ich schließlich mein Geld nicht mit reibungslosen Prozessen, sondern eher mit den harten Nüssen verdiene.

Stimmt das denn nicht?

Doch, natürlich. Dennoch glaube ich, dass ich einen ganz guten Blick auf die Dinge und das menschliche Wesen habe. Bei einer Unternehmensnachfolge treffen nun einmal zwei, in der Regel starke, Persönlichkeiten aufeinander. Wenn es da nicht mitunter auch mal knallt, müsste man sich eher die Frage stellen, ob einer von beiden nicht vielleicht ungeeignet für den Job als Unternehmer ist. Wer neue Wege gehen will, muss hier und da auch in den Konflikt gehen. Denn, wie sagt man so schön: Aus Reibung entsteht Energie. Daher mein Appell: Lasst uns ehrlicher miteinander sein.

Was meinen Sie damit ganz konkret?

Ich fände es toll, wenn Nachfolgerinnen und Nachfolger mehr zu den Konflikten, die sie im Prozess mit ihren Vorgängern hatten, stehen würden. Da wir in Deutschland aber den Streit zum Tabuthema erklärt haben, trauen sich nur noch die wenigsten, darüber in Interviews oder bei öffentlichen Auftritten zu sprechen. Die Angst, Kunden, Partner oder Mitarbeiter zu verunsichern, ist einfach zu groß. Aber am Ende wird das aber zum Bumerang.

Inwiefern?

Weil man sich unglaubwürdig macht. Friede, Freude, Eierkuchen gibt es nur im Märchen. Und mal ehrlich: Wer wünscht sich schon einen mutlosen Partner, Lieferanten oder Chef, der nicht für sich, seine Ziele und die Menschen in seinem Umfeld einstehen kann?

Trotzdem ist es sicher auch nicht gut, wenn man Konflikte in aller Öffentlichkeit austrägt. Wie würden Sie diesen Knoten zerschlagen?

Ich glaube, dass die Wahrheit wie so oft in der Mitte liegt. Eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger, der oder die offen, aber charmant, zugibt, dass es bei der Übernahme auch die eine oder andere Hürde gab, macht sich ja per se noch nicht angreifbar. Im Gegenteil: Indem man zeigt, wie diese Hürden erfolgreich genommen werden konnten, profiliert man sich als Problemlöser. Man muss ja nicht gleich auf die Details der Konflikte eingehen. Mit Blick auf die Außendarstellung ist das im Übrigen nicht nur viel glaubwürdiger, sondern auch effektiver: Eine gute Heldenstory verläuft nie geradlinig. Das wäre doch langweilig.

Wie war das denn bei Ihnen selbst? Wie kurvig war Ihr Weg bis hierher?

Im Nachhinein betrachtet lief es schon logisch auf den heutigen Punkt hinaus. Aber natürlich war der Weg bis hierher nicht geradlinig, weil ich mich ja in diesem Prozess ständig weiterentwickelt und immer wieder auch verändert habe. Meine Berufung ist es, Menschen miteinander in Verbindung zu bringen, damit die gemeinsame Arbeit erfolgreich, aber auch für jeden Einzelnen erfüllend sein kann. Nachdem mein Schwerpunkt hier zunächst auf der Entwicklung von Teamprozessen, dem Coaching von Entscheidern und Führungskräften und der Begleitung persönlicher Prozesse lag, kam zuletzt die Begleitung von Nachfolgeprozessen hinzu. Dieses Angebot konnte ich vor zehn Jahren noch nicht machen, weil ich selbst noch nicht so weit war.

Und wie sind Sie dann letztlich an den Punkt gekommen?

Meine Entwicklung habe ich den bewussten Entscheidungen an den Kreuzungen meines Lebens zu verdanken. Und der Tatsache, dass ich durch meine Ausbildung zum transformativen Coach, die Unterstützung der Kolleginnen und Kollegen in der Coaching Community, durch regelmäßige Coachings und Supervisionen an mir arbeiten konnte. Nicht zuletzt habe ich mit jedem Prozess, den ich bei meinen Kunden begleiten durfte, mitgelernt. Das lässt sich gar nicht vermeiden, wenn man verbunden miteinander arbeitet.

Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, muss man aber nicht unbedingt gleich eine Coaching-Ausbildung machen, oder?

Nein. Natürlich nicht. Es darf auch etwas weniger sein. Aber ja, Bewusstheit über sich selbst ist sehr nützlich. Und ja, ich glaube fest, dass die Nachfolgeregelung leichter ist, wenn ich weiß, wer ich bin, was mir wichtig ist und was ich vom Leben will. Ich wünsche allen abgebenden Unternehmerinnen und Unternehmern, dass sie Nachfolgerinnen und Nachfolger finden, die ihre Lebensaufgabe erfolgreich weiterführen. Meine Erfahrung ist, dass es hilft, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass Nachfolge Transformation bedeutet – also Veränderung von Identität.

Das klingt drastisch.

Ist es mitunter auch. Über die digitale Transformation reden alle. Und wir alle haben erfahren, wie sie sich anfühlt: vom Tonband zum Streaming – dieser Sprung ist enorm. Ähnlich ist der Sprung, den Unternehmerinnen und Unternehmer machen müssen, die ihr Lebenswerk abgeben. Daher ist es in dem Prozess extrem wichtig, die Dinge gemeinsam zu gestalten, in Familienunternehmen mit zwei oder auch drei Generationen an Bord, manchmal harmonisch, manchmal debattierend, manchmal streitend und sich versöhnend. Aber: Immer mit dem Blick auf das gemeinsame Ziel. Das ist Leben pur! Friedemann Schulz von Thun hat das einmal mit der berühmten Kommunikationsformel zusammengefasst: A + K = E.

Wofür steht das?

Das steht für „Akzeptanz plus Konfrontation gleich Entwicklung“. Das unterschreibe ich. Die Akzeptanz ist dabei die Voraussetzung. Sonst geht die Formel nicht auf.

 

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